Fünf Fragen an... Irene Neverla


1. Wie kamen Sie zur Gesundheitskommunikation?
Den Zugang zur Gesundheitskommunikation habe ich einerseits über die Forschungs- und Lehrgebiete Wissenschaftsjournalismus und Medizinjournalismus gefunden; andererseits über die Beobachtung, dass die Themen Medizin, Gesundheit, Wellness in allen Medien auf geradezu inflationäre Weise Aufmerksamkeit finden: Dauerbrenner, die in jedem Marktsegment "ziehen" und seit Jahren ungebrochen expandieren.

2. Wo sehen Sie Ihre Forschungsschwerpunkte innerhalb der Gesundheitskommunikation; planen Sie aktuelle Projekte oder Initiativen?
Den eingeschlagenen Pfad möchte ich gerne weitergehen: Am Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft arbeiten wir mit starkem Bezug zur Medienpraxis. Daher werde ich mich auch weiterhin nicht mit Gesundheitskommunikation allgemein gefassen, sondern auf den Medizinjournalismus konzentrieren, als der unerlässlichen öffentlichen und aktuellen Komponente von Gesundheitskommunikation. Diese Ausrichtung ist aber keineswegs eng gefasst: Medizinjournalismus ist wiederum eingebettet in gesellschaftliche und mediale Entwicklungen, die wir in der Forschung berücksichtigen müssen. Speziell E-Health halte ich für zukunftsweisend. Was wird auf den journalistischen Seiten, auf Portalen, in den Chats der Patienteninitiativen, in Weblogs usw. angeboten; und wie gehen die User mit diesen vielfältigen und oft unübersichtlichen Angeboten um.Besonders spannend finde ich die Frage, wie Menschen im Falle einer schweren Erkrankung Informationen sammeln, meist mittels Internet und mit Unterstützung ihrer Angehörigen, und sich so Expertenwissen aneignen und dieses ins Gespräch mit den behandelnden Ärzten einbringen. Diesem Aspekt bin ich bereits in einer empirischen Befragung mit Akromegalie-Erkrankten nachgegangen und würde ihn gerne vertiefen. Angedacht ist ein europäisch vergleichendes Forschungsprojekt. Kooperationspartner werden noch gesucht.

3. Gesundheitskommunikation ist für mich ...
Gesundheitskommunikation ist das Gesamtfeld, in dem Medizinjournalismus einen tragenden Teil ausmacht. Er wird von den Menschen in ihrem Alltag mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt, egal wie ihr aktueller Gesundheitszustand ist. Gesundheitskommunikation ist ein symptomatischer Teil des Individualisierungsprozesses in der "Risikogesellschaft". Jeder einzelne Mensch muss in dieser Gesellschaft das eigene Wohlbefinden und die eigene Gesundheit managen: objektiv, um die eigene Arbeitskraft fit zu halten; subjektiv weil die meisten unter uns an hedonistische Glücksversprechungen glauben; und ideologisch, weil der Glaube weit verbreitet ist, man könne das Schicksal steuern.

4. Wären Sie Herausgeberin einer erfolgreichen Tageszeitung, was würden Sie an der Berichterstattung über Medizin und Gesundheit verändern wollen und warum?
Abschied nehmen von dem Gedanken, dass es einen gleichsam grundgesetzlichen Anspruch auf Gesundheit und Glück gibt und im Krankheitsfall einen Gesundungsanspruch. Das sind illusionäre Ideologien, die durch die Fortschritte der Medizin und Naturwissenschaft immer wieder genährt wurden. Dennoch wird ihre Brüchigkeit immer deutlicher.

5. Auf welche (Forschungs-)Frage möchten Sie in Ihrem Leben unbedingt noch eine Antwort finden?
Welche Rolle Journalismus im Leben der modernen Gesellschaft spielt. Was Ötzi auf dem Berggipfel suchte, auf dem man ihn fand. Ob es eine Gegend auf dieser Erde gibt, die für mich definitiv "die schönste" sein kann.

Irene Neverla
Stellvertretende Geschäftsführende Direktorin
Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft
der Universtität Hamburg
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